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Faszinierende Verbindung von traditionellem Handwerk und Naturerlebnis

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29.12.2025

Das Abfischen in Angermünde war auch in diesem Jahr wieder ein großer Höhepunkt

Für Heinrich war die Ruhe vorbei. Schon am frühen Morgen musste er feststellen: Heute passiert irgendetwas. Das Wasser wurde plötzlich aufgewühlt und immer weniger. Und Heinrich erinnerte sich. Ziemlich genau vor einem Jahr war alles ganz ähnlich, doch damals konnte er flüchten. Daher ist Heinrich nun ein sogenannter Premium-Karpfen und gehört zu den Hauptakteuren des alljährlichen Angermünder Fischzugs.

Alle drin, los geht’s

Von all dem hat die gänzlich von Fischzucht unbedarfte Besucherin, extra angereist aus Strausberg, keine Ahnung. Sie gehört zu den zahlreichen neugierigen Beobachtern und Schaulustigen, die diesen kühlen sonnigen Tag zu einem interessanten Ausflug allein oder mit Familie nutzen. Sie ist von Freunden zum Abfischen mitgenommen worden, die das Ganze schon einmal miterlebt haben.
Bereits die Anfahrt ist ein Erlebnis der besonderen Art. Raus aus dem abgestellten Auto und ran an die Haltestelle, wo schon einige Dutzend Besucher warten. Ein großer Trecker tuckert heran, im Schlepptau einen zum Kremser umfunktionierten Hänger: Planendach, Sitzbalken links und rechts und in der Mitte weitere, zum Abstellen der Biergläser wohl. Nie im Leben passt da die wartende Menge hinein, denkt sie, und eher an die Alternative Laufen. So weit sind drei Kilometer nun auch wieder nicht. Da wird sie schon geschoben, immer weiter, nach hinten, bis keiner mehr umfallen kann. Alle drin, los geht’s!
Wer will, kann am Endpunkt noch mal umsteigen in einen echten Kremser samt Pferden, doch das schöne Stück Landschaft bis zum Großen Welseteich will die Besucherin, an diesem Tag eine von fast 1000, lieber zu Fuß zurücklegen. So reiht sie sich ein in den Zug von kleinen und großen Menschen, die dem Aktionsgelände entgegenstreben. Dann fällt der Blick auf die große abgelassene Fläche, an deren unterstem Ende im Restwasser die letzten Fische zusammengedrängt sind.

Keine Chance für Henrich

In diesem Herbst hat Karpfen Heinrich keine Chance. Er geht den Fischern ins Netz. Ein solches wiegt gefüllt mit Fischen an die 160 Kilogramm. Kein Wunder, dass dafür schwere Technik eingesetzt werden muss. Per Hubkescher wird Heinrich mit etlichen seiner Artgenossen heraus gehievt und in einen engen Tank verfrachtet. Nach kurzer Fahrt auf einem Lastwagen wird er in ein neues Becken ausgesetzt. In frisches Wasser, wo er sich regelrecht „sauber-schwimmen kann“, wie der Fischer es nennt. Denn schließlich wird er für den Verkauf vorbereitet.
„Früher hatten wir bis zu 80 Tonnen sogenannte Ernte, darunter auch Zander, Welse oder Störe. Heute sind es nur noch etwa 10 Tonnen“, erklärt Andreas Schulz am Rande des Spektakels. Werden die Fischteiche der Blumberger Mühle – sowohl im Naturschutzgebiet liegend als auch als Wasservogelschutzgebiet ausgewiesen - doch bereits seit 1991 nicht mehr intensiv bewirtschaftet. Und seit der NABU zur langfristigen Sicherung 1993 das Gesamtareal mit 218 Hektar erworben hat, sind die 20 Teiche mit einer Wasserfläche von 140 Hektar zudem Modellprojekt für eine naturverträgliche Landnutzung geworden – ein Balanceakt zwischen Naturschutz und Wirtschaftlichkeit. Nachzulesen auf der Webseite der Blumberger Mühle.

Sogar Spaß im Matsch

Ist das Wasser abgelassen, bleibt eine ausgedehnte schlammige Fläche zurück. Die lockt vor allem Kinder zur Mutprobe: Bis wohin schaffen wir es? Doch selbst mit Gummistiefeln bleibt das ein gewagtes Unterfangen, beobachtet die Strausbergerin. Einer der Jungen erklimmt mit nur noch einem Stiefel am Fuß die sichere Böschung, den anderen muss einer der Größeren per Kescher herausfischen. Für Heiterkeit bei den Umstehenden ist allemal gesorgt.
Andere schauen lieber den zahlreichen Helfern über die Schulter, die durchaus bereitwillig erklären, was sie gerade wie und warum tun. Nebenbei erfahren sie, dass die Fischzucht in den Teichen der Blumberger Mühle bis ins 13. Jahrhundert zurückgeht. Die Mönche betrieben sie einst, um eine Fastenspeise zu haben. Oder, dass der Große Welseteich, an dem sie stehen, der Größte der Teiche ist und an seiner tiefsten Stelle gerade mal 1,50 Meter misst. Oder, dass das gesamte Gebiet Teil des 130 000 Hektar großen Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin ist.

Fisch, Kuchen, Bulette und Glühwein

Während die einen noch informationshungrig auf weitere Erklärungen warten, zieht es die Besucherin jetzt aber in Richtung Fischbrötchen in allen Varianten. Für dieses Muss ist an den aufgebauten Verkaufsständen ebenso gesorgt wie für frischen Karpfen von der Teichwirtschaft oder ein reiches Räucherfisch-Angebot. Es kann dauern, bis sie an der Reihe ist. Vor ihr wird gerade die halbe Verwandtschaft versorgt – für Monika Aal und Forelle, dann noch einen Saibling, drei Fischspieße und ein Stück Lachs für Carola … Nebenan gibt es aber auch leckeren Kuchen vom Angermünder Bäcker. Oder doch lieber eine Bulette und `nen Glühwein drüben neben dem NABU-Stand mit den Präparaten von Fisch- und Silberreiher, Kormoran und Schellente?
Eigentlich würde die Besucherin dort gern noch mehr erfahren über das Modellprojekt naturverträglicher Landnutzung oder an der Führung zum Vogelzug mit den Rangern teilnehmen. Heute ist die Zeit zu schnell vergangen, aber beim nächsten Mal, nimmt sie sich vor …

Heinrichs Aussichten

Was ist nun aus Heinrich geworden? Kurz vor Weihnachten fällt für ihn die nächste Entscheidung. Landet er im lokalen Handel oder geht es über den Großhandel noch einmal auf Reisen, auch in andere Bundesländer um dort auf die ganz „spezielle Art“ Silvester zu feiern. Oder es kommt ganz anders. Die Fischer erzählen nämlich, dass am späten Nachmittag, wenn der große Trubel vorbei ist, die nächste große Jagd beginnt. Dann kommen die Vögel und beginnen ihr eigenes Abfischen.

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