Reisen - Europa

Volk ohne Nachbarn

Island ist längst kein Geheimtipp mehr nur für abenteuerlustige Urlauber
Von Irina Voigt

Es ist still, trotz der vielen Leute. Dann brodelt es, und eine weiße Wasserdampffontäne schießt 30 Meter hoch in den klaren Himmel. Und bekommt Beifall vom Publikum. Währenddessen bemüht sich die Sonne immer noch, den Bergkamm zu überwinden und am Horizont zu erscheinen.
Der Geysir „Stokkur/Butterfass“ nahe des kleinen Ortes Bláskógabyggð zählt derzeit zu den attraktivsten Hotspots Islands. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich die „publikumswirksamen Geysirvorführungen“ allerdings immer wieder mal geändert. Vulkanausbrüche und Erdbeben sind auf der Insel nahe des Polarkreises noch immer an der Tagesordnung. „Alle 100 Jahre passiert hier richtig was. Etwas, das unsere Welt wieder verändert und zeigt, wie klein die Menschen angesichts gewaltiger Naturereignisse sind“, sagt Arthúr Brjörgvin Bollason. Der Journalist, Fernsehmoderator und Übersetzer gilt spätestens seit dem Gastlandauftritt Islands bei der Frankfurter Buchmesse im Jahre 2011 als bekanntester Vermittler isländischer Kultur in Deutschland. Mit ihm auf seiner Heimatinsel unterwegs zu sein, bedeutet, Island im Schnelldurchlauf kennen- und liebenzulernen.

Spätestens seit dem Ausbruch des unaussprechlichen Vulkans „Eyjafjallajökull“ 2010 interessieren sich nicht nur Geologen, sondern auch immer mehr Touristen für die rauchenden Vulkane, die sommers grünen Moosflächen, die kleinen, starken Islandpferde, die Vogelkolonien und die heißen Quellen – und somit für das Volk, das seit Jahrhunderten gänzlich ohne Nachbarn gelebt hatte. Bei einer Gesamtbevölkerungszahl von gerade einmal 357 000 Einwohnern wundert es bald nicht mehr, dass hier offensichtlich jeder jeden kennt. Gleich, ob es der Imbissbudenbesitzer ist, der sich in einem zugigen Tal niedergelassen hat, um die Bungalowbewohner mit Pfannkuchen zu versorgen, oder die Betreiber eines Hummerlokals. „Dessen Geschichte begann erst vor 25 Jahren“, berichtet Bollason. Da hätte eine Krankenschwester an der Südküste in Stokkerseyri die Idee gehabt, in einer kleinen Bude am Strand nicht nur Kaffee anzubieten, sondern nach altem, herkömmlichen Rezept Hummerschwänze zuzubereiten. „Die besten“, schwärmt inzwischen nicht nur Bollason. Der Ort lebt davon, dass dort Fangfrisches angeboten und zubereitet wird. „So sind wir Isländer eben, zuerst machen wir es, dann mögen wir es“, gibt Bollason Einblick in die Temperamente seiner Landsleute. Mit dem bezeichnenden isländischen Humor nimmt er es auch, dass gerade Kanadier den weiten Weg gekommen sind, um in einem zugefrorenen Mare – einem im Vulkankrater befindlichen See – Eishockey zu spielen.

Die größte Rolle auf der Insel spielt nach wie vor die Landwirtschaft. Schafe weiden in der schneefreien Zeit in den Bergen. „Und dann haben die Islandpferde – sagt niemals Pony zu den kleinen Kraftpaketen! – einmal im Jahr richtig was zu tun“, erzählt Bollason. Dann nämlich werden sie geritten, um die Schafe, von denen es mehr als Isländer gibt, in die Täler zu holen.
Der Einsamkeit im Norden, nahe Grönlands, ist es zu verdanken, dass die Isländer ihre eigene ursprüngliche Sprache, ihre Sitten und Bräuche fast unverändert bis heute bewahrt haben. „Die Sagen von Trollen und Unholden, die es hier zu Hunderten gibt, die immer weitergetragen und in Historikzentren bewahrt werden, die können auch die jungen Leute heute noch in erhalten gebliebenen Originalen lesen. Die Schrift hat sich kaum verändert“, sagt Bollason.
Die Arbeitslosigkeit auf der Insel, deren Pro-Kopf-Einkommen weltweit zu den höchsten zählt, tendiert gegen Null. Als nach dem Zweiten Weltkrieg 200 deutschen Frauen auf die Insel „importiert wurden“, wurden sie bestaunt wie Exoten. Viele davon sind geblieben, haben Familien gegründet. Die Amerikaner, die jahrzehntelang die Insel als Vorposten nutzen, bis sie 2006 abrückten, haben eine andere Kulturausrichtung mitgebracht – misstrauisch beäugt vor allem von den männlichen Isländern. Bis sich die einheimischen Frauen dafür sogar über die Medien rechtfertigten, dass Männer eben auch tanzen können sollten und Höflichkeit nichts sei, wofür man ausgelacht werden müsse.

Aber noch etwas haben die Amerikaner hinterlassen. Riesige Hallen. Die stehen inzwischen nicht mehr leer. „Wir haben hier einen Boom von Anfragen von großen Unternehmen in aller Welt, um deren Daten in Rechenzentren aufzubewahren“, berichtet Bollason. Das sei aufgrund der geringen Temperaturschwankungen übers Jahr und damit einhergehender Energiebilanz auf der Insel kein Problem. Das machen sich auch mehrere große Aluminumhersteller zunutze. „Es ist noch immer viel preisgünstiger, Bauxit und andere Rohstoffe herzubringen und die fertigen Produkte zu verschiffen, als anderswo die Energie für die Produktion aufzubringen.“
Was im ganz Großen funktioniert, wird in den privaten Haushalten schon ewig praktiziert. Auf jedem Grundstück sprudeln hier heiße Quellen. Mit ihrer Hilfe wird geheizt, gekocht und sogar gebacken. Und das Wasser ist auch als Trinkwasser geeignet. Den Touristen auffallen wird sein Geruch: leicht nach Schwefel, eben aus der brodelnden Unterwelt.

Inzwischen schätzen auch Besucher die heißen Quellen. „Waren es vor ein paar Jahren vor allem Einheimische, die in der Blauen Lagune badeten, herrscht hier inzwischen so großes Gedränge, dass man gut beraten ist, Plätze vorzubestellen“, erzählt Artúr Bollason. Ursprünglich sei der Salzwassersee ein Resultat des Geothermalkraftwerkes Svartsengi. Um Strom erzeugen und ein Fernwärmenetz ausbauen zu können, wurde dort Salz- und Süßwasser mit einer Temperatur von bis zu 240 Grad Celsius aus einer Meerestiefe von 2000 Metern gepumpt. Anschließend wurde das reine Wasser in ein nahe liegendes Lavafeld geleitet, wo sich das Gemisch aus zwei Dritteln Salzwasser und einem Drittel Süßwasser zu einem See zusammenfand. „Nur 30 Autominuten entfernt von der Hauptstadt Reykjavik in Grindavik kann man seitdem auch bei eisigen Temperaturen in angenehme 37 bis 42 Grad Celsius abtauchen. Und so bestätigt sich hier wieder einmal die praktische Seite der Isländer.“

Aber auch abseits solcher touristischen Hotspots gibt es solche Möglichkeiten, die Hotels oder sogar Privatquartiere auf Bauernhöfen bieten. 1340 Kilometer lang ist die Straße, die einmal rund um die Insel führt. Wobei sich die schönsten Naturschauspiele etwas abseits der Piste befinden, Wasserfälle wie der Gullfoss zum Beispiel, der Goldene Wasserfall.
Die Zeit auf der spannenden Insel ist schnell vergangen, und ein Besuch in der Hauptstadt Reykjavik muss verschoben werden. „Das ist doch kein Problem“, sagt Artúr Bollason, „Kommen Sie einfach wieder!“ Und das sei relativ einfach machbar. Denn die die Fluggesellschaft Icelandair kennt die Sehnsucht, die hier plötzlich auftaucht. „Man kann daher auf dem Reiseweg nach Irgendwo eine Pause einlegen. Bis zu sieben Tagen behalten die Flugtickets ihre Gültigkeit, ohne dass es mehr kostet“, sagt der Reiseführer. Und dann heißt es herzlich bei der Landung „Velkomin heima!“ – Willkommen daheim!

Service
Anreise: Mit der Icelandair fliegt man von Berlin aus in dreieinhalb Stunden nach Keflavik. Flugtickets nach Amerika und in viele Orte der Welt haben den großen Vorteil, dass sie einen Stopover beinhalten. Das heißt, man kann in Island eine bis sieben Tage währende Pause einlegen, um später sein Ziel anzusteuern. Klima: In Island macht das Wetter einen Teil der Attraktivität aus. Wolken, Regen oder Schnee sollte man mögen. Auch im Hochsommer dominiert kühles Wetter, und es weht ein rauer Wind. Die Temperaturen liegen zwischen minus zehn Grad im Winter und frischen 14 bis 16 Grad im Sommer. Verkehr: Die Straßen sind gut ausgebaut. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, sich ein Fahrzeug zu leihen, um die Insel auf eigene Faust zu erkunden. Angeboten werden aber auch geführte Tagestouren in die urwüchsige Natur zu Geysiren und Waserfällen. Auch für immer mehr Reittouristen gewinnt die Insel mit ihren rund 80 000 Pferden an Anziehungskraft. Informationen: https://de.visiticeland.com/

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